Luftaufnahme einer Menschenmenge an der Tour de Suisse 2019

«Das wird ein richtiges Volksfest»

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5 min
22.06.2022

Es ist das Top-Radsportereignis in der Schweiz: die Tour de Suisse. In diesem Jahr macht die Schweizer Landesrundfahrt wieder im Baselbiet Halt, am 13. und 14. Juni sind die Fahrer in Aesch zu Gast. Im Interview spricht Direktor Olivier Senn über die Besonderheiten der diesjährigen Tour de Suisse, über Nachhaltigkeit im Radsport, den Kampf gegen Doping und über die Zusammenarbeit mit der Hauptsponsorin Primeo Energie.

Das erwartet Sie in diesem Artikel

Olivier Senn, am 12. Juni geht die Tour de Suisse los. Wie laufen die Vorbereitungen?

Sie laufen sehr gut. Es gibt sehr viel zu tun dieses Jahr, weil wir die Frauen zum ersten Mal über vier Tage dabeihaben und weil wir mit bestimmten Etappenorten später dran waren als in der Vergangenheit. Es gibt also in kürzerer Zeit mehr zu tun, aber wir sind auf Kurs.

Das Frauenrennen ist seit vergangenem Jahr fester Bestandteil der Tour de Suisse und wird jetzt ausgebaut, richtig?

Genau. Es ist unser Ziel, die Frauenrundfahrt dauerhaft zu einem viertägigen Rennen auszubauen. Vergangenes Jahr gab es zunächst zwei Etappen, Samstag und Sonntag gemeinsam mit den Männern. Diesmal fahren die Frauen von Samstag bis Dienstag, also die letzten beiden Tage der Männer plus zwei zusätzliche Etappen. Ausserdem möchten wir auch bei den Frauen das WorldTour-Niveau erreichen, so wie bei den Männern. Im Moment fahren die Frauen auf dem zweithöchsten Niveau, der ProSeries.

Olivier Senn, Tour-Direktor der Tour de Suisse.

Olivier Senn bereitet als Direktor momentan mit Hochdruck die Tour de Suisse 2022 vor.

Was zeichnet die Tour de Suisse in diesem Jahr besonders aus?

Zum einen ist es sicher die sportlich schwierigste Tour de Suisse der vergangenen Jahre, was die Anzahl der Höhenmeter angeht, die Anzahl der Pässe, die Bergankünfte. Besonders ist auch, dass die Frauen wie erwähnt vier Tage fahren und es eine richtige Rundfahrt ist. Und dann natürlich die Tatsache, dass wir nach den Corona-bedingten Einschränkungen der letzten Jahre wieder Zuschauer empfangen können.

Die Tour nach Corona

Was sind und waren die Herausforderungen für die Tour de Suisse 2022?

Eine grosse Herausforderung bestand sicher darin, dass wir Mühe hatten, Etappenorte zu finden.

Woran lag das?

Das war eine klare Auswirkung der Pandemie. Viele Etappenorte hatten verständlicherweise Sorgen, dass 2022 immer noch durch Corona beeinflusst sein würde, dass sie also keine Zuschauer empfangen und kein richtiges Volksfest machen können. Im Sponsoringbereich ist es ähnlich: Viele potenzielle Sponsoren waren in Bezug auf 2022 zurückhaltend. Wir haben sehr gute Gespräche für die kommenden Jahre, aber 2022 ist es finanziell noch etwas schwierig.

Was zeichnet die Tour de Suisse gegenüber den grösseren Rennen, der Tour de France, dem Giro dʼItalia oder der Vuelta a España, aus?

Ein grosser Unterschied ist die Zugänglichkeit. Bei uns kann jede Zuschauerin und jeder Zuschauer überallhin, ausser in den VIP- und den Podiumsbereich. Ansonsten kann man zu den Teams, man kann ins Village, an die Start- und Zielgeraden. Das ist bei den grossen Rennen ganz anders. Da sind die Teambusse in einem abgesperrten Bereich, das Village ist abgesperrt, und Besucherinnen und Besucher müssen Eintritt zahlen. Bei uns ist alles sehr einfach, zugänglich und offen. Und genau das wollen wir auch.

«Das Ziel ist es, unsere Flotte bis 2026 komplett zu elektrifizieren.»

Olivier Senn, Direktor der Tour de Suisse

Eine neue Hauptsponsorin

Primeo Energie hat in diesem Jahr neu das Hauptsponsoring übernommen, nach vier Jahren als Premium Partner. Was bedeutet das für die Tour de Suisse?

Zunächst einmal sind wir erleichtert. Wenn man einen Hauptsponsor nach zwölf Jahren ersetzen muss, ist das immer eine Herausforderung und gibt einen gewissen Druck. Der ist nun weg. Dass es ausgerechnet Primeo Energie ist, ist für uns ein besonderer Glücksfall. Wir haben uns bereits in den vergangenen Jahren kennengelernt, haben gemeinsam Dinge erarbeitet, sind schon ein ganzes Stück Weg zusammen gegangen. Und auch auf persönlicher Ebene funktioniert es sehr gut. Wir ticken ähnlich, man findet sehr schnell zueinander. Und natürlich hoffen wir auch, dass wir Primeo Energie helfen, die Markenbekanntheit in der Schweiz zu erhöhen.

Wo sehen Sie weitere Schnittmengen zwischen Primeo Energie und der Tour de Suisse?

Die Themen Velofahren und Energie passen sehr gut zusammen. Ich glaube, Velofahren ist eine der Sportarten, in denen am meisten Energie produziert und auch verbraucht wird. Weiter spielt das Thema Digitalisierung sowohl bei uns wie auch bei Primeo Energie eine grosse Rolle. Und die Schweizer Qualitätseigenschaften. Wir wollen eine Veranstaltung sein, die nicht nur im Fernsehen gut aussieht. Wir legen Wert darauf, eine national wichtige Veranstaltung zu sein, die den Menschen Freude bereitet.

Die nachhaltigste Sportveranstaltung der Schweiz

Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind für Primeo Energie wichtige Themen. Wie sieht es da bei der Tour de Suisse aus?

Das spielt natürlich auch bei uns eine grosse Rolle. Bis 2026 wollen wir der innovativste, aber auch der nachhaltigste Sportevent in der Schweiz werden. Wir unterliegen zwar bestimmten Sachzwängen, die uns der Weltverband UCI vorgibt. Aber dort, wo wir etwas unternehmen können, tun wir es auch. Wir haben bereits gewisse Felder identifiziert, wo wir einsteigen und auf denen wir aufbauen können.

Luftaufnahme einer Menschenmenge an der Tour de Suisse 2019

Eine Tour de Suisse funktioniert nicht ohne Autos. Auch sie sollen umweltfreundlicher werden.

Zum Beispiel?

Ein Beispiel ist die E-Mobilität. Hier sind wir übrigens auch in engem Austausch mit den Experten von Primeo Energie. Daneben bieten wir nachhaltiges vegetarisches Essen an, ein anderer Partner kümmert sich um eine umweltverträgliche Abfallentsorgung. Wir sind zwar noch nicht da, wo wir hinwollen, aber wir arbeiten intensiv daran.

Ab wann ist die Fahrzeugflotte der Tour de Suisse komplett elektrifiziert?

Das Ziel ist es, unsere Flotte bis 2026 komplett zu elektrifizieren. Es gibt allerdings noch einige Hürden zu überwinden. Zum Beispiel reicht die Leistung der Elektrofahrzeuge noch nicht aus. Wenn wir eine 200-Kilometer-Etappe haben, noch 100 Kilometer zum Start fahren müssen, dann noch 50 Kilometer ins Ziel, und wenn das noch über Berge und drei Pässe geht, kommen die Elektroautos im Moment noch nicht mit. Und auch bei der Ladeinfrastruktur gibt es noch Lücken. Dieses Jahr werden wir aber vermutlich zwei, drei Elektroautos in der Kolonne haben, um sie zu testen und Erfahrung zu sammeln.

Der Kampf gegen Doping

Der Radsport ist berüchtigt für seine Doping-Geschichten. Wie gross ist das Dopingproblem heute?

Es stimmt, der Radsport hat in Bezug auf Doping einen schlechten Ruf. Aber die Realität sieht anders aus. Seit den Neunzigerjahren wurde extrem viel unternommen, um Doping zu bekämpfen. Der Radsport hat mit Abstand das strengste Dopingregime, die meisten Tests und ist anderen Sportarten auf diesem Gebiet meilenweit voraus.

«In den Achtzigern und Neunzigern wurde in den Mannschaften organisiert gedopt. Das gibt es heute im Radsport nicht mehr.»

Olivier Senn, Direktor der Tour de Suisse

Was unternimmt die Tour de Suisse im Kampf gegen das Doping?

Wir als Veranstalter stehen bei diesem Thema an der Seitenlinie. Das ist etwas, das zwischen dem Weltverband UCI und den Teams sowie zwischen den Teams und den Athleten abläuft. Wir als Veranstalter führen keine Dopingkontrollen durch. Wir können es auch niemandem verbieten, teilzunehmen, sofern er nicht gesperrt ist.

Welche Hebel hat dann die Tour de Suisse im Kampf gegen Doping?

Wir versuchen schon seit Jahren, die Anforderungen an die Athletinnen und Athleten zu reduzieren. Wer 200 Kilometer fährt, sich nicht erholen kann und gleich wieder ins nächste Rennen muss, greift eher zu Hilfsmitteln. Deshalb sind die Etappen der Tour de Suisse im Durchschnitt etwas kürzer als bei den anderen Rennen. Dadurch haben die Sportlerinnen und Sportler bei uns mehr Zeit, sich zu erholen. Das entlastet sie. Und ganz nebenbei glauben wir auch, dass kürzere Etappen spannender sind.

Besteht denn angesichts der engmaschigen Tests überhaupt noch die Gefahr, dass Fahrerinnen und Fahrer dopen?

Es wird leider immer welche geben, die sich unter Druck fühlen und keinen anderen Ausweg sehen, als zu dopen. Aber das sind Einzelfälle. In den Achtzigern und Neunzigern wurde in den Mannschaften organisiert gedopt. Das gibt es heute im Radsport nicht mehr. Aber es stimmt: Doping ist ein wichtiges Thema. Leider wird es in der Öffentlichkeit oft nicht differenziert diskutiert. Ein Medienbericht reicht, um den Vorwurf, alle seien gedopt, wieder hochkochen zu lassen. Dem kann man nur mit Fakten entgegentreten. Denn die Realität sieht eben anders aus. 

Ein Etappenort im Baselbiet

Die Tour de Suisse macht dieses Jahr zum ersten Mal auch in Aesch Halt, also in unserem Versorgungsgebiet. Welche Besonderheiten bringt der Etappenort Aesch mit?

Eine Besonderheit für uns ist genau das: dass der Etappenort in Verbindung mit Primeo Energie steht. Primeo Energie hatte sich gewünscht, dass die Tour de Suisse wieder in die Region kommt, und hat tatkräftig mitgeholfen, das umzusetzen. Und dann ist die Strecke rund um Aesch für das Velofahren absolut prädestiniert.

Inwiefern?

Es ist eine unglaublich schöne Gegend. Man hat sehr viel Natur, keine schweren Berge, dafür Hügel, und abseits der Hauptstrassen ist wenig Verkehr. Das Baselbiet ist wie gemacht fürs Velofahren. Wir waren ja 2019 schon mal hier. Der Etappenstart war in Münchenstein auf dem Areal von Primeo Energie, das Ziel in Arlesheim. Und das war ein riesiges Volksfest.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Aesch?

Die Zusammenarbeit läuft sehr gut. Die Aescherinnen und Aescher sind hochmotiviert, sehr gut organisiert und machen einen tollen Job. Für uns ist es gut zu wissen, dass dies ein Etappenort ist, der einfach funktioniert. Die Etappe in Aesch wird ein richtiges Volksfest, und genau das soll es auch sein. Wir wollen nicht nur ein Velorennen veranstalten, sondern ein Fest für die Bevölkerung. Darauf kann man sich in Aesch wirklich freuen.

Können Sie schon verraten, ob die Tour de Suisse nächstes Jahr wieder ins Baselbiet kommt?

Nächstes Jahr ist kein Etappenort im Baselbiet geplant. Da wir versuchen, möglichst die ganze Schweiz abzudecken, schaffen wir es leider nicht jedes Jahr in alle Regionen.

Autor: Viktor Sammain

Foto: Viktor Sammain, Timo Orubolo, Cycling Unlimited

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