Schweizer Radfahrer fährt an der Tour de Suisse 2019

Leistung bis zum Limit: Als Radprofi an der Tour de Suisse

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5 min
24.05.2022

1343 Kilometer während acht Tagen: Die Tour de Suisse ist für alle Teilnehmer eine körperliche Extrembelastung. David Loosli, Ex-Profi und heutiger Sportlicher Direktor der Tour de Suisse, weiss aus eigener Erfahrung, wie Radprofis ihrem Körper die maximale Leistung abverlangen.

Das erwartet Sie in diesem Artikel

«Ein ständiges Auf und Ab»: So charakterisiert David Loosli die zweite Etappe der Tour de Suisse, die vom Zürichsee bis nach Aesch führt – also mitten ins Versorgungsgebiet von Primeo Energie. «Auf dem Papier ist es eine ruhige Etappe. Doch die rund 3000 Höhenmeter mit dem Challpass einige Kilometer vor dem Ziel könnten einige Favoriten überraschen», prophezeit der Sportliche Direktor.

David Loosli, sportlicher Direktor der Tour de Suisse

David Loosli war früher selbst Profiradfahrer. Heute ist er der Sportliche Direktor der Tour de Suisse.

Loosli weiss, wovon er spricht, war der heute 42-Jährige doch früher selbst Radprofi. Er hat nicht nur mehrmals die Tour de Suisse absolviert, sondern auch acht Grands Tours in Frankreich, Italien und Spanien in den Beinen. Sein härtestes Rennen war die erste Tour de France. «Gleich in meinem ersten Profijahr bot mich mein Team kurzfristig auf», erinnert er sich. «Es war brutal, aber auch ein grossartiges Erlebnis, nach drei Wochen in die Champs-Élysées einzubiegen.»

Wer gewinnen will, muss minutiös planen

Nicht ganz so brutal, aber doch sehr anspruchsvoll präsentiert sich auch der diesjährige Streckenplan der Tour de Suisse. Nach der besagten zweiten Etappe stehen unter anderem zwei Bergankünfte, ein Zeitfahren und der knapp 2500 Meter hohe Nufenenpass an. Ein anspruchsvolles Programm für die Radprofis, zumal die Tour de Suisse nur eines von vielen Rennen ist in einer langen Saison, die vom März bis in den tiefen Spätherbst dauert.

«Die erste Grand Tour zu fahren, ist, wie den ersten Marathon zu laufen.»

David Loosli, Sportlicher Direktor Tour de Suisse

Dies erfordert eine akribische Vorbereitung. «Die Fahrer planen ihre Saison zusammen mit ihrem Team», erzählt David Loosli. «Dabei definieren sie zwei oder drei Jahreshöhepunkte, für die sie in Topform sein wollen.» Ein Fahrer, der die Tour de Suisse gewinnen möchte, absolviert also ein gezieltes Aufbautraining. So erbringt er im Juni die Topleistung.

Mit Wattmessung zur Topleistung

Doch wie lässt sich diese messen und vergleichen? Der wesentliche Leistungswert im Radsport ist die Wattzahl (siehe Box). «Das ist ein wenig wie die PS bei einem Auto», sagt David Loosli. «Jeder weiss, wie viel Watt er in Topform hinkriegt.» Während ein durchschnittlich trainierter Hobbyradfahrer während einer Stunde 3 bis 4 Watt pro Kilogramm Körpergewicht zu leisten vermag, sind es bei Profis 5 bis 6 Watt pro Kilogramm.

Ihre genauen Werte hüten die Spitzenfahrer normalerweise wie Staatsgeheimnisse. Denn genau wie beim Auto, das dank mehr PS schneller fährt als ein anderes, lässt sich die Formel auch auf den Radsport übertragen: Wer mehr Power aufs Pedal bringt, kommt schneller ans Ziel. Zumindest in der Theorie. In der Praxis spielen natürlich auch Faktoren wie Taktik, fahrerisches Können oder Wettkampfglück eine wichtige Rolle.

Wattzahl – die PS der Radsportler

Die Wattzahl gibt Aufschluss über die Leistung einer Radsportlerin oder eines Radsportlers. Ein Top-Sprinter vermag bis zu 1900 Watt auf die Pedale zu bringen, jedoch nur während weniger Sekunden. Über ein gesamtes Rennen gerechnet, beträgt die durchschnittliche Leistung eines Profis zwischen 250 und 300 Watt.

Um Vergleichswerte zu ermöglichen, errechnen die Profis ihre Leistungswerte im Verhältnis zum Körpergewicht, die sogenannte gewichtsbezogene oder auch spezifische Leistung. Die Messung erfolgt durch Sensoren in den Pedalen über eine bestimmte Dauer. Wenn beispielsweise ein 75 Kilogramm schwerer Radfahrer über 60 Minuten eine Leistung von 300 Watt erbringt, so beträgt sein spezifischer Wert über diese Zeitdauer 300/75 = 4 Watt/Kilogramm.

Wichtig ist diese Zahl vor allem bei Bergprüfungen langer Etappenrennen wie der Tour de France. Absolute Spitzenfahrer wie der zweimalige Tour-de-France-Sieger Tadej Pogačar erreichen dabei Durchschnittswerte von über 6 Watt/Kilogramm. Bei den Frauen ist der Spitzenwert etwas tiefer und beträgt etwas mehr als 5 Watt/Kilogramm.

8000 bis 10 000 Kalorien pro Rennen

Um solche Leistungen überhaupt zu erbringen, ist natürlich auch die Zufuhr von Energie entscheidend. Besteht in der Aufbauphase ein ausgewogener Ernährungsplan, gilt es während des Rennens, Kalorien zu bolzen. «Unterwegs ist man permanent am Essen», bestätigt David Loosli. Kein Wunder, benötigt der Körper in einem grossen Rennen doch rund 8000 bis 10 000 Kalorien.

Wann der Athlet wie viel essen oder trinken muss, das bestimmt ein ausgeklügelter Ernährungsplan. Ein Genuss ist das Essen auf dem Rennrad laut Loosli allerdings nicht. «Die körperliche Belastung ist so gross, dass kaum Hungergefühle aufkommen.» Hinzu kommt, dass die Fahrer die Nahrung meist in Form nicht besonders leckerer Powergels hinunterwürgen.

Radprofis bringen 40 LED-Lampen zum Leuchten

Ein 72 Kilogramm schwerer Spitzenfahrer mit einem Leistungswert von 6 Watt/Kilogramm wuchtet sich mit einer Leistung von 400 Watt dem Ziel entgegen. Diese Leistung würde ausreichen, um …

… 40 LED-Lampen (je 10 W) zum Leuchten zu bringen
… 4 LCD-Fernseher (je 100 W) laufen zu lassen
… 2 einfache elektrische Mixer (je 200 W) zu bedienen

Die Werte beziehen sich jeweils auf Durchschnittswerte für handelsübliche Geräte. Natürlich besteht bei allen Geräten eine grosse Spanne: Ein einfacher Handmixer beispielsweise leistet 100 Watt, während ein starker Mixer, der auch Brot kneten kann, bis zu 500 oder 600 Watt zu leisten vermag.

Regeneration: Der Erfolgsfaktor für Toursieger

Doch die Verpflegung wie auch das Training können noch so optimal sein: Eine achttägige Tour de Suisse, ganz zu schweigen von einer dreiwöchigen Grand Tour, bleibt eine Extrembelastung. «Der Körper ist an diese nicht gewöhnt», sagt David Loosli. «Die erste Grand Tour zu fahren, ist, wie das erste Mal einen Marathon zu laufen.» Nur dass sich dieser Marathon über mehrere Tage oder sogar Wochen erstreckt.

Gerade deshalb ist die Regeneration zwischen den Etappen ein entscheidender Erfolgsfaktor für alle, die Ambitionen haben, im Gesamtklassement vorne mitzufahren. Massagen, Powergels, Kältebäder und natürlich ein guter Schlaf tragen dazu bei. Und doch bleibt die Regenerationsfähigkeit sehr individuell. Loosli: «Einige Rennfahrer stecken dies problemlos weg, andere schaffen es in ihrer ganzen Karriere nicht, obwohl sie in Eintagesrennen zur Weltspitze gehören.»

Luftaufnahme von Aesch BL, Etappenort der Tour de Suisse 2022

Eine der Etappen der Tour de Suisse 2022 führt direkt durch Aesch BL.

Etappenplanung der Tour de Suisse: Ein «Plan B» ist immer griffbereit

Heute ist David Loosli froh, dass er sich die Plackerei nicht mehr selbst antun muss. 2012 hat er die Seiten gewechselt und ist seither in der Rennorganisation tätig. Seine Erfahrung als Radprofi hilft ihm dabei – doch bleibt es eine knifflige Aufgabe. «Es gilt, Kompromisse zu finden zwischen den Erwartungen der Rennfahrer und den Anforderungen der Kantone, Gemeinden und der Polizei.» Auch hat er die Verkehrsflüsse zu beachten: Um 17 Uhr zur Hauptverkehrszeit ist es beispielsweise undenkbar, die Tour über eine vielbefahrene Hauptverkehrsachse zu führen.

Zudem halten Loosli und sein Team immer einen «Plan B» für unvorhergesehene Ereignisse bereit. Was beispielsweise, wenn der Nufenenpass wegen Neuschnees unbefahrbar ist? Was, wenn eine Baustelle die geplante Streckenführung behindert? In solchen Fällen sind schnelle Entscheidungen gefragt. Entsprechend stehen nicht nur die Rennfahrer, sondern auch die Organisatoren während des Rennens unter permanenter Anspannung. «Das Stresslevel ist heute fast höher als früher», verrät Loosli. Umso erleichterter ist er, wenn das Rennen ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen ist. An solchen Tagen findet der Ex-Profi womöglich auch Zeit, selber mal wieder sein Velo zu satteln – dann freilich ohne Wattzahlen, Powergels und Kältebäder. 

Tickets für die Tour de Suisse gewinnen

Seien Sie hautnah dabei, wenn die Profis mit tausenden Watt in die Pedale treten. Hier können Sie am Wettbewerb teilnehmen und Tickets oder ein Trikot gewinnen.

Wettbewerb Tour de Suisse

Autor: Simon Eberhard

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