Wissenschaftsjournalist Atlant Bieri vor Baum in der Natur.

Feine Feder: Atlant Bieri schreibt für den Primeo Energie Kosmos

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5 min
14.09.2022

Für die Ausstellungstexte im neuen Science- und Erlebniscenter Primeo Energie Kosmos hat Primeo Energie einen prominenten Schreiber engagiert: den Wissenschaftsjournalisten und Globi-Autor Atlant Bieri. Im Interview spricht Bieri über die Herausforderungen beim Texten, welche Rolle dabei der Humor spielt und wie man die Generation TikTok bei der Stange hält.

Herr Bieri, wie sind Sie an die Texte für den Primeo Energie Kosmos herangegangen?

Ich gehe immer von den Rahmenbedingungen aus. In diesem Fall ist es so, dass die Themen schon vorgegeben sind. Es gibt mehrere Stationen, an denen Pioniere und ihre Entdeckungen vorgestellt werden. So wird zum Beispiel Friedrich Wilhelm Herschel vorgestellt, der die Infrarotstrahlen entdeckt hat. Um über Herschel zu schreiben, muss ich etwas über ihn wissen. Also suche ich nach den spannenden Elementen in dieser Geschichte. Wann hat er gelebt? Wie hat er gelebt? In der Regel gebe ich am Ende nur rund zehn Prozent von dem, was ich selbst recherchiert habe, an die Endkunden weiter. Kurz gesagt geht es darum, Wissen zu sammeln, in meinem Gehirn zu verarbeiten und dann wieder auszuspucken.

Wie wählen Sie diese zehn Prozent aus?

Meine Richtlinie ist es, das Spannendste, Lustigste und Skurrilste auszuwählen. Natürlich muss ich das Grundthema abdecken und eben beispielsweise erklären, was Infrarotstrahlung überhaupt ist. Aber jenseits dieses Pflichtteils setze ich auf Unterhaltung. Denn das ist das, was wir interessant finden. Was hat Herschel zum Frühstück gegessen? Wie ist er auf die Infrarotstrahlen gekommen, ist dabei irgendwas Witziges passiert? Diese Rosinen versuche ich herauszupicken und wiederzugeben.

Zu Besuch bei Atlant Bieri

Wir haben Atlant Bieri zu Hause besucht und mit ihm ein Experiment ausprobiert. Lesen Sie hier, was der Wissenschaftsjournalist tut, wenn er nicht gerade Texte für den Primeo Energie Kosmos schreibt.

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Wie schaffen Sie es, gerade bei Kindern und Jugendlichen den richtigen Ton zu treffen?

Auf «zwangsjugendlich» mache ich grundsätzlich nicht. Also mit «Hey, Alter, was läuft?» beginnt keiner meiner Texte. Die Jugendlichen wissen ja, man geht in den Primeo Energie Kosmos, weil dort Bildung vermittelt wird. Und das verstehen die Kinder. Etwas anderes aber ist die Flughöhe. Ich muss wissen, wo die Leute stehen, in welcher Entwicklung sie sind, was in der Schule läuft. Verstehen sie zum Beispiel auf Anhieb, was Elektronen sind, oder muss ich es erst erklären? Und wie muss ich es erklären? Sage ich, das sind kleine Teilchen mit negativer Ladung, oder lasse ich die Ladung weg und sage einfach, das sind kleine Teilchen, die man nicht sehen kann?

Hilft Ihnen Ihr Sohn Arin, in den Texten den richtigen Ton zu treffen?

Ja, wenn man mit Kindern zu tun hat, sollte man wissen, was diese interessiert. Für meinen Sohn können die Dinge kaum lustig und spannend genug sein. Das ist übrigens die absolute Grundregel – lustig und spannend muss es sein. Ich habe meinem Sohn oft spontane Gutenachtgeschichten erzählt. Und wenn man anfängt mit «Es war einmal ein kleiner Hase, der ging alleine in den Wald», dann muss danach auch wirklich etwas passieren. Aber irgendwann merkt man, welche Geschichte zieht und welche nicht. Und wenn es spannend und lustig ist, dann lacht der kleine Kerl in seinem Bett, und ich weiss, dass ich etwas richtig gemacht habe.

Wissenschaftsjournalist Atlant Bieri und Sohn Arin mit Feuerzeug und Schutzbrille.

Gemeinsam experimentieren: Vater Atlant und Sohn Arin mögen es spannend und lustig.

Welche Rolle spielt bei Ihnen der Humor?

Humor ist ein Wunderwerkzeug. Damit erhält man Zugang zum Gehirn. Ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene: Alle mögen Humor. Wenn du also mit dem Humorschraubenschlüssel kommst, öffnen sich alle Gehirnwindungen. Gleichzeitig darf der Humor nicht zum Zwang werden. Es muss nicht überall unbedingt ein Riesenlacher her. Aber wo es ohne Mühe geht, da streue ich auch immer gerne Humor mit ein.

Wie machen Sie das konkret?

Nehmen wir zum Beispiel die Station im Primeo Energie Kosmos zu Thales von Milet, der erste Erfahrungen mit statischer Elektrizität gemacht hat. Ich habe als Illustration ein Bild vorgeschlagen, auf dem man sieht, wie sich Thales mit abstehenden Haaren selbst einen Stromschlag mit seinem Bernstein verpasst, den er statisch aufgeladen hat. Das ist einerseits witzig, hat aber auch einen ernsthaften Hintergrund. Und nach solchen kleinen Dingen halte ich Ausschau: Was ist witzig, was ist wundersam, was ist faszinierend?

Wie haben Sie dieses Interesse an Naturwissenschaften bei sich entdeckt?

In der Schule waren Mathe, Physik und Chemie einfach nur trocken. Dabei haben mich diese Fächer im Grunde fasziniert. Ich hatte alle Physik- und Elektrobaukästen zu Hause. Aber wenn mir das die Leute in der Schule erklärt haben, war das stets unglaublich öde. Irgendwann habe ich realisiert, dass es einen Unterschied macht, wie man etwas erklärt. Wenn ich den Leuten einfach die nackten Fakten um die Ohren haue, dann gähnen alle. Genauso war das auch bei mir. Nach der Schule wollte ich erst gar nichts mit Naturwissenschaften zu tun haben.

Was ist dann passiert, wie sind Sie zurück zu den Naturwissenschaften gelangt?

Der Hauptgrund war, dass ich mit Anfang 20 wegging aus der Schweiz und an einem Ort studieren durfte, an dem die Naturwissenschaften sozusagen als dreidimensionales Bilderbuch neben einem aufpoppten. Das war in Tasmanien. Dort war ich drei Jahre lang in einer unglaublich schönen Natur mit riesigen Farnbäumen, einem unglaublich schönen Meer mit Tausenden Lebewesen. Und diese Bilder, diese Natur, das hat mich zurück auf den Pfad der Naturwissenschaften gebracht.

Wissenschaftsjournalist Atlant Bieri am Pfäffikersee mit Schwan.

Pfäffikersee statt Tasmanien: Atlant Bieri liebt es, draussen in der Natur zu sein.

Sie haben die Gabe, komplexe Themen einfach zu erklären. Wann haben Sie dieses Talent entdeckt?

In Tasmanien habe ich Umweltwissenschaften und Journalismus studiert und abgeschlossen. Nach der Rückkehr in die Schweiz habe ich an der Uni Zürich noch ein Studium in Umweltwissenschaften angehängt. Da bin ich über die «NZZ am Sonntag» zum ersten Mal mit Wissenschaftsjournalismus in Berührung gekommen. Dabei habe ich gemerkt, dass mir diese Verbindung aus Schreiben und Wissenschaft sehr liegt.

Zurück zum Primeo Energie Kosmos: Was waren die grössten Herausforderungen beim Texten fürs neue Science- und Erlebnis Center von Primeo Energie?

Eine Herausforderung war, dass das Projekt schon fortgeschritten war, als ich dazukam. Die ganzen Experimente und Stationen standen alle schon, und ich konnte das nicht mehr beeinflussen. Ich musste also meine Texte dem anpassen, was schon da war. Manchmal funktionierte das wunderbar, bei anderen Stationen war es schwieriger. Ausserdem war es wichtig, bei der Reihenfolge der Stationen einen roten Faden hinzubekommen. Wir haben nun alles wie an einer Wäscheleine aufgezogen und folgen dem zeitlichen Ablauf. Angefangen bei Thales, der ja der Erste war, der mit Elektrizität experimentiert hat. Danach gehen wir entlang dem Zeitstrahl immer weiter. Eine weitere Herausforderung ist es, die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser zu halten.

Können Sie das erläutern?

Vor einiger Zeit hat mir jemand von einem neuen Phänomen erzählt, dem «TikTok-Brain». Auf der Social-Media-Plattform TikTok sieht man nur wenige Sekunden lang einen Film, dann wischt man weiter. Man konzentriert sich fünf Sekunden, bekommt einen Kick und geht dann zum nächsten Inhalt. Dieses Verhalten führt wohl dazu, dass sich das Gehirn nicht mehr länger als fünf Sekunden auf etwas konzentrieren kann. Wer davon betroffen ist, kann keine Zeichnungen mehr anfertigen, kein Buch lesen, kein Baumhaus bauen. Das geht alles viel zu lange. Und nun arbeite ich also unter anderem für Leute mit solchen Gehirnen. Das heisst, ich muss meine Inhalte so aufbereiten, dass auch diese Menschen über den ersten Satz hinauslesen.

Was kann man da tun?

Man kann in Museen zum Beispiel weniger den Text, sondern viel mehr die körperlichen Erfahrungen ins Zentrum stellen. Die besten Museen, die ich kenne, setzen stark auf das Körperliche. Diesbezüglich sind die USA grossartig. In einer Ausstellung zum Schiffsverkehr in der Karibik im 18. Jahrhundert zum Beispiel geht die Tür auf, und man steht auf der Brücke eines Schiffs. Und dann beginnt die Geschichte, und man spürt den Wind und das Wasser im Gesicht. Aus der Wissenschaft weiss man auch: Je körperlicher eine Erfahrung, umso mehr bleibt im Gehirn hängen. Im Primeo Energie Kosmos wird das unter anderem bei den Experimentierstationen umgesetzt, wo man selbst Strom erzeugt oder sich einen leichten Stromschlag verpassen kann. Oder auch dadurch, dass man auf ein Windrad klettern und auf Wolken gehen kann.

«Die besten Museen, die ich kenne, stellen körperliche Erfahrungen ins Zentrum.»

Atlant Bieri, Wissenschaftsjournalist

Welche Rolle spielt das Visuelle?

Das ist sehr wichtig! Die Illustration eines Themas ist mindestens 50 Prozent der Miete. Wenn man kein super Titelbild hat, kann einen das Tausende von verkauften Büchern kosten. Wenn das Titelbild zieht und gut gemacht ist, dann kaufen die Menschen das. Das gilt natürlich auch für Ausstellungen.

Was ist Ihr Eindruck vom Primeo Energie Kosmos?

Ich finde es super, dass ein privater Energieanbieter so etwas macht. Wir müssen Kindern beibringen, was Strom ist, aber auch die Zusammenhänge zwischen Klima und Energie erklären. Das muss in die Köpfe rein.

Wie schätzen Sie die Chance ein, dass wir den Klimawandel noch in den Griff bekommen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich sage mal so: Ich hoffe, dass es klappt. Ich möchte nicht in einer Welt leben, auf die wir gerade zusteuern. Aber ich kann es nicht voraussagen. Natürlich gibt es technische Möglichkeiten, um zum Beispiel CO2 aus der Luft abzuziehen. Das gibt Hoffnung, und ich wünsche mir sehr, dass wir es schaffen. Ob es gelingt, weiss ich nicht.

Energie erleben, Klimaschutz verstehen

Der Primeo Energie Kosmos ist ein Science- und Erlebnis Center, das auf spielerische und erlebnisorientierte Bildung setzt. Ziel ist es, junge und ältere Besucherinnen und Besucher für Energiethemen und mehr Nachhaltigkeit zu sensibilisieren.

Zum Primeo Energie Kosmos

Autor: Viktor Sammain

Foto: Nicolas Zonvi

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